Zum 250. Geburtstag von Ferdinando Paër

 Ferdinando Paër by François Séraphin Delpech after Nicolas Eustache Maurin

Ferdinando Paër (1771-1839), Portrait von François Séraphin Delpech, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Beginn in Parma

Die Geburt seines Sohnes Ferdinando, namensgleich mit dem Herzog Ferdinand von Bourbon-Parma, am 1. Juli 1771 in Parma feierte Giulio Paër mit einer freudigen und brillanten Fanfare. Nach Castil-Blaze soll das Kind bei der Taufe seinen Namen von der Herzogin Maria Amalia selbst erhalten haben[1].

Giulio Paër war der erste Musiklehrer seines Sohnes Ferdinando. Vater Giulio Paër (überliefert ist auch die Schreibung: Per) war in den Jahren 1769 bis 1771 Trompeter bei den „Guardie del Corpo“, der herzoglichen Leibwache. Von 1778 bis zu seinem Tode, am 20. März 1790, wirkte er im Hoforchester als Hornist mit[2]. Giulio Paër spielte bei den prächtigen Fürstenhochzeiten in Colorno auf. Nach dem Urteil eines Zeitgenossen namens Giacomo Puccini, der als Maestro della Cappella Palatina in Lucca wirkte, galt Giulio Paër als ein ausgezeichneter Musiker „sowohl im Palast wie in der Kirche”[3]. Sohn Ferdinando Paër vertiefte seine Musikausbildung zudem bei Gian Francesco Fortunati (1746-1821), dem „maestro di cembalo e di canto“ der „Principessa”, sowie bei dem Violoncellisten Gaspare Ghiretti (1747-1797)[4]. Als Sänger trat der junge Paër gleichfalls hervor. Geistliche Werke standen am Anfang seiner Laufbahn als Komponist[5]. Ein Klavierkonzert wurde 1791 im April aufgeführt[6]. Seine Oper Il tempo fa giustizia a tutti (Le astuzie amorose) ging 1792 im Teatro Ducale von Parma über die Bühne. Ein virtuoses Orgelkonzert gibt Zeugnis vom Einfallsreichtum des Komponisten, eine Interpretation von Franz Hauk liegt als Einspielung in der Bibliothek vor.

1792 wurde Paër vom Herzog von Parma der Titel „Maestro di Capella onorario“ verliehen, doch ein jährliches Gehalt wurde ihm erst als stellvertretender Kapellmeister ─ „Maestro di Cappella sostituto alle incombenze tutte del Reale servigio“ ─ 1797 zuteil[7]. Noch im gleichen Jahr 1797 verließ Paër Parma und ging mit seiner Frau, der Sängerin Francesca Riccardi (1778-1845), nach Wien[8]. Allerdings erst in den Jahren 1801-1802 scheint Paër im Dienste des Kaiserhofes gestanden zu haben[9]. Im Jahr 1802 übersiedelte der Komponist mit seiner Frau nach Dresden.

 

Weichensteller für andere

Beethovens Fidelio steht insbesondere im Kontext von Paërs Leonora. Thomas Betzwieser hat darauf verwiesen und erläutert: „Auch wenn unklar ist, wann Beethoven genau Kenntnis von Paërs Oper hatte – eine Abschrift der Partitur befand sich in einem Nachlass –, so verblüffen doch die strukturellen Analogien, also die musikalischen Lösungen für die jeweiligen Szenen.“ Betzwieser betont: „Mit der kritischen Ausgabe von Oper Paërs „Leonora ossia L’amor conjugale“ wird ein zentrales Werk der ‚Sattelzeit‘ um 1800 editorisch erschlossen.“[10]

Wenngleich der Dresdner Hof 1804 den Komponisten auf Lebenszeit angestellt hatte, war dieser Aufenthalt wieder nur ein Zwischenspiel. Paërs Lebensweg führte schließlich nach Paris. Zu den renommierten Paër-Forschern zählen Giuliano Castellani[11] und Wolfram Enßlin, letzterer berichtet:

„Nach der Niederlage in der Schlacht von Jena und Auerstedt im Okt. 1806 mußte sich der sächsische Kurfürst Friedrich August III. dem Wunsch Napoleons beugen, Paër und dessen Frau aus deren Verträgen zu entlassen. Längere Zeit wurde Paër, der Napoleon bereits nach Posen, Warschau und Berlin gefolgt war, über die Bedingungen seiner neuen Stellung im Unklaren gelassen. Am 14. Jan. 1807 schließlich wurde in Warschau rückwirkend ab dem 1. Dez. 1806 Paërs neuer Vertrag ausgestellt, der seine Position als ‚Compositeur de la musique de la chambre‘ Napoleons regelte: Neben dem lebenslang geltenden Engagement mit einem Jahresgehalt von 28.000 Francs war er u. a. für die Leitung der Konzerte und der Theateraufführungen am Hof zuständig und hatte den Wünschen des Kaisers nach neuen Kompositionen nachzukommen (F-Pan)“[12].

Bis zu seinem Tod am 3. Mai 1839 blieb Ferdinando Paër in Paris:  „Directeur de la musique du Roi“[13] wurde er genannt, von 1813 bis 1827 war er Direktor des Théâtre italien (mit Rossini gemeinsam in den Jahren 1824 bis 1826); und zudem lehrte Paër am Conservatoire. Am 12. Dezember 1823 hatte sich Franz Liszt im Pariser Conservatoire erfolglos vorgestellt: „Die Aufnahme in das Conservatoire wurde jedoch von Cherubini verweigert, auch wenn die kurz zuvor für die Klavierklassen beschlossene Zulassungssperre für ausländische Bewerber erst am 29. Dezember [1823] in Kraft treten sollte.“[14] Privatunterricht erhielt Liszt in Paris jedoch von Paër. Detlef Altenburg hebt hervor: „Dass Paër Liszt in das Handwerk der Opernkomposition einführte, war für den jungen Pianisten ein wichtiger Schritt in seiner Komponistenkarriere; vor allem die Auseinandersetzung des Pianisten mit dem Phänomen des Vokalen in der Musik sollte von entscheidender Bedeutung für seine kompositorische Entwicklung sein.“[15]

 

Zeitgenössische Klavierauszüge im Bibliotheksbestand des Königlich Bayerischen Conservatoriums für Musik in München

Mit Simon Mayr gehört Ferdinando Paër zu den wichtigsten Komponisten italienischer Opern um 1800. Erfolge feierte Paër in seiner Zeit weit über Dresden und Paris hinaus. Seine Bühnenwerke reüssierten auch in München[16]. Von Paërs Bekanntheit am Königlich Bayerischen Conservatoriums für Musik in München zeugen die im historischen Bibliotheksbestand erhaltenen Klavierauszüge. Sie laden zum Entdecken ein:

AchillePrinzessin Théodolinde de Beauharnais

Agnese*

I fuorusciti*

Griselda*

Sargino

Der lustige Schuster

 *Die Klavierauszüge zu Paërs Opern I fuorusciti, zu Agnese, zu Griselda im Bestand des Königlich Bayerischen Conservatoriums für Musik waren ebenso wie der Klavierauszug zu Simon Mayrs Oper Ginevra di Scozia Geschenke an die Conservatoriumsbibliothek von Théodelinde de Beauharnais, einer Enkelin Joséphines, der ersten Frau Napoleons und Kaiserin von Frankreich. Théodelindes Eltern waren Auguste von Bayern und Eugène de Beauharnais. Im zweiten Band der historischen Zugangsbücher aus der Zeit ca. 1857 ist die Schenkung vermerkt: „Geschenk Ihrer Durchlaucht der Gräfin Theodolinde [sic] von Württemberg geb. Prinzessin von Leuchtenberg“.

Einhergehend mit der Katalogisierung in den WebOPAC und der Einarbeitung des historischen Bestandes in die RISM-Datenbank erfolgt die wissenschaftliche Auswertung dieser Quellen derzeit sukzessiv durch die Autorin dieses Artitkels, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

[1] Castil-Blaze, Aceton, G. Paer, E. Vivier, in: La France musicale, 14. Mai 1843, zit. in: Dizionario dei musicisti del ducato di Parma (https://www.lacasadellamusica.it/vetro/Pages/Homepage.aspx ), Art. Paër, Giulio cornista: „Giulio Paer suonò il 1 luglio 1771 una gioiosa a brillante fanfare per celebrare la nascita di un figlio: il nuovo nato ricevette il nome di Ferdinando che gli fu dato da Maria Amalia, duchessa di Parma, che lo tenne a battesimo”. Nach Castil-Blaze war der Vater von Giulio der Trompeter Michel Paer aus Peterwardein (“Petterwaradin”). Vetro/Banda.; François Castil-Blaze. Actéon, G. Paer, E. Vivier, in „La France musicale", 14 mag. 1843

[2] Zu Giulio Paër vgl. Art. Paër, Giulio, in: Roberto Lasagni, Dizionario Biografico dei Parmigiani, Bd.3, Parma 1999, S.715: „Dopo aver fatto il trombettiere nelle Guardie del Corpo (1769-1771), il Paër divenne professore di corno da caccia della Reale Orchestra di Parma (19 gennaio 1778), carica che mantenne fino alla morte.”

Vgl. Gaspare Nello Vetro (Hg.), Il fondo musicale della banda della Guardia Nazionale di Parma, Parma, 1993, S.33: „Il 23 novembre 1769 i due trombetti furono ridotti a uno soltanto, Giulio Paër.”, „Per tornare a quel trombetta Giulio Paër, o Per come venne indicato a volte, il padre del famoso Ferdinando, ricordiamo che anche lui sonò alle nozze di Colorno, e che fu suonatore ‘in sopranumero’ di corno da caccia nella Reale Orchestra, nella quale venne nominato titolare nel 1778.”

[3] Vgl. Gaspare Nello Vetro (Hg.), Il fondo musicale della banda della Guardia Nazionale di Parma, op.cit. S. 33

[4] Zu Fortunanti und Ghiretti, vgl. Roberto Lasagni, Dizionario Biografico dei Parmigiani, Bd.2, Parma 1999, S. 807-809, 972

[5] Verzeichnet im Fondo musicale von S. Liborio, Colorno. Vgl. Paola Cirani, Catalogo del fondo musicale di S. Liborio, in: 1985 Colorno (Parma) nell’anno della musica, Ausstellung im Palazzo Ducale, Parma 1985, I-CLOsl 109, 110

[6] Concerto / Del Sig.r Mro Ferdinando Paer / per Pianoforte / In Aprile 1791. (Conservatorio Parma 35360 CF-II-6, Principale)

[7] Vgl. Wolfram Enßlin, Art. Paer, Ferdinando, in: Lexikon der Oper. Komponisten – Werke – Interpreten – Sachbegriffe, hg. v. Elisabeth Schmierer, Laaber 2002, Bd. 2, S. 322f. Art. Paër, Ferdinando, in: Roberto Lasagni, Dizionario Biografico dei Parmigiani, Bd. 3, Parma 1999, S. 712-715

[8] Vgl. Art. Riccarda, Francesca, in: Roberto Lasagni, Dizionario Biografico dei Parmigiani, Bd.4, Parma 1999, S. 92f.

[9] Vgl. Wolfram Enßlin, Art. Paer, Ferdinando, op.cit., S. 322: „1798 folgte Paër seiner Frau, der Primadonna Francesca Riccardi, nach Wien, ohne aber sogleich – entgegen der bisherigen Forschungsmeinung – als Kapellmeister am Kaiserhof angestellt worden zu sein. Erst am Ende seiner Wiener Zeit 1801/1802 muß ein – bislang noch nicht näher geklärtes – Dienstverhältnis zum Hof bestanden haben.“

[10] Thomas Betzwieser, Fidelio italienisch: Leonora ossia L’amor conjugale, (2019) https://www.swr.de/swrclassic/schwetzinger-festspiele/ssf-2020-artikel-paer-leonora-100.html Ders., Leonora ossa L’amor conjugale von Ferdinando Paër, (2020) https://www.takte-online.de/gesamtausgaben/detailansicht-gesamtausgaben/artikel/leonora-ossia-lamor-conjugale-von-ferdinando-paer/index.htm Die Edition der Oper, hg. v. Christin Seidenberg, ist beim Bärenreiter-Verlag in Vorbereitung. Zum Librettisten Giuseppe Maria Foppa, vgl. Iris Winkler, Der vergessene Librettist der Leonora, in: Claus Bockmaier (Hg.), Facetten II (Musikwissenschaftliche Schriften der Hochschule für Musik und Theater München, 10), München 2016, S. 29-35 https://webopac.bibliothek.musikhochschule-muenchen.de/00/bvnr/BV043508839

[11] Vgl. http://ferdinandopaer.ch/index.php?p=giuliano&s=pubblicazioni&l=en

[12] Wolfram Enßlin, Art. Paër, Ferdinando, BIOGRAPHIE in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2004, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/52876

[13] Ebd.: „Trotz aller politischen Umbrüche konnte er sich die längste Zeit über in hofnahen bzw. höfischen Positionen, zumeist als ‚Directeur de la musique du Roi‘, halten, wenn diese auch mit stetig sinkenden Bezügen verbunden waren. Im Jan. 1813 erfolgte die Ernennung zum MD. des Théâtre-Italien als Nachfolger Spontinis.“

[14] Detlef Altenburg, Ziel der Karriereplanung: Das Conservatoire, in: Ders. (Hg.), Franz Liszt. Ein Europäer in Weimar. Katalog der Landesausstellung Thüringen im Schiller-Museum und am Schlossmuseum Weimar. 24. Juni -31. Oktober 2011, Klassik-Stiftung Weimar, Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Köln 2011, S. 52-57, zit. S. 52

[15] Detlef Altenburg, Ziel der Karriereplanung: Das Conservatoire, op. cit. S. 54

[16] Vgl. Hans Zehetmair, Jürgen Schläder (Hg.), Nationaltheater. Die Bayerische Staatsoper, München 1992, zu Aufführungen von Paërs Opern in München; S. 271: Achilles (1802), S. 272: Sargines oder der Triumph der Liebe (13.07.1804), Griselda (21.10.1804), S. 273: Numa Pompilio (Sommer 1810), Leonore (16.07.1813), S. 274: Die Wegelagerer (16.12.1814), Agnese di Fitz-Henry (18.08.1816), S. 278: Der lustige Schuster (15.12.1833), S. 328: Am 9. Juli 1978 wurde im Herkulessaal Leonora ossia L’amore conjugale aufgeführt und aufgenommen (mit dem Bayerischen Symphonieorchester, unter der Leitung von Peter Maag, mit Edita Gruberova als Marcellina, mit Siegfried Jerusalem als Florestano und mit Ursula Koszut als Leonora „konzertant in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk“ ).