Zum Karneval in Turin, Venedig, Mailand und Florenz: Simon Mayrs Ginevra di Scozia

Die Oper Ginevra di Scozia = Ginevra aus Schottland von Johann Simon Mayr, nach dem Libretto von Gaetano Rossi, erlebte anlässlich der Eröffnung des Teatro Nuovo in Triest am 21. April 1801 ihre erste Aufführung.

"Die Oper spielt in St. Andrews Schottland in einer sagenhaften Zeit. Thema der Oper ist eine verwickelte Liebesgeschichte zwischen den vier Hauptpersonen, die wegen vielfältiger Intrigen beinahe nicht zueinanderkommen. Am Ende der Oper finden sich die Paare und den Schuldigen wird vergeben." (Wikipedia)

Nach ihrer Erstaufführung in Triest wurde am 27. Oktober 1801 Ginevra di Scozia erstmals in Wien gegeben, allerdings bereits mit Abänderungen und Zusätzen von Joseph Weigl. Die Bearbeitungs- und Adaptionspraxis der verschiedenen Opernhäuser ist als zeittypisches Phänomen zu werten und gehört zum „Opernmarkt“ und zum „Opernmarketing“ des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Hochschulbibliothek hat in ihrem Bestand ein Exemplar eines solches Klavierauszuges von ca. 1801, der die Kompositionen von Mayr und Weigl miteinander vereint.

Weitere Aufführungen von Ginevra di Scozia folgten zum Karneval 1802 in Turin, ebenfalls 1802 in Frankfurt, auszugsweise und in deutscher Fassung, dann zum Karneval 1803 an der Scala in Mailand ebenfalls wieder mit dem profilierten Gegnerpaar der Erstaufführung, dem Kastraten Luigi Marchesi und dem Tenor Giacomo David.

Mayrs Oper Ginevra di Scozia wurde nach Erfolgen in Genua, Verona und Berlin am 13. Juli 1805 in München anlässlich der „hochbeglückten Geburtstagsfeyer Ihrer Churfürstl.[ichen] Durchlaucht Wilhemine Friderike Karoline, regierende Churfürstin zu Pfalzbaiern“ die herausragende Festoper.

Das Bühnenbild dazu entwarf Joseph Quaglio. Als Polinesso brillierte der bedeutende Tenor Antonio Brizzi. Fast alle Interpretinnen und Interpreten standen als Ensemblemitglieder in kurfürstlichen Diensten[1].

Im Herbst 1805 wurde Ginevra di Scozia in Florenz aufgeführt und zum Karneval 1806 im Teatro La Fenice in Venedig.

Wenn auch die Partie des Ariodante nun vermehrt zu einer Hosenrolle wird, finden sich unter seinen Interpreten immer wieder auch noch Kastraten: so etwa im Frühjahr 1807, als die Oper in Pisa im Regio Teatro della nobile Accademia dei Costanti gegeben wird, singt Angiolo Maria Testori Ariodante. 1811 wurde Ginevra di Scozia in Bergamo gegeben, dann wieder in München und ebenfalls in Weimar - unter Goethes Leitung mit Brizzi als Polinesso - , 1813 in Cremona, im Herbst 1814 im Teatro San Benedetto in Venedig, zum Karneval 1815 im Teatro San Carlo in Neapel, 1815 in Ancona, 1816 in Parma am Regio Teatro. Zum Karneval 1816 stand Ginevra di Scozia wieder in der Mailänder Scala auf dem Programm. In diesen Jahren war die Hosenrolle Ariodante, in Mailand gesungen von Maria Marcolini, weitestegehend etabliert.

Zum Karneval 1816 stand Ginevra di Scozia in Turin auf dem Spielplan, zum Karneval 1822 in Florenz, R. Teatro in Via della Pergola, ebenfalls im Frühjahr 1824, dazwischen gab es Ginevra di Scozia in Venedig im Herbst 1823 am Teatro a San Giovanni Crisostomo. Am 19. August 1824 stand die Oper wieder in Neapel am Teatro San Carlo auf dem Spielplan, im Frühjahr 1825 in Genua im Teatro del Falcone, im Frühjahr 1826 in Rom. 1828 und 1829 gastierte die Oper in Palermo im Real Teatro Carolino zu hören und 1829 in Modena im Teatro di Corte.

Solch ein bahnbrechende Erfolg im Bereich des Musiktheaters ist in erster Linie über die europaweiten Opernaufführungen gelungen.

Unter der Leitung von George Petrou erklang Ginevra di Scozia am 14. Juni 2013 im Theater Ingolstadt. Es musizierte das Münchner Rundfunkorchester. Als Gesangssolistinnen und -solisten wirkten mit: Myrtò Papatanasiu als Ginevra, Magdalena Hinterdobler als Dalinda, Anna Bonitatibus als Ariodante, Stefanie Irányu als Lurcanio, Mario Zeffiri als Polinesso, Marko Cilic als Vafrino, Kay Stiefermann als König von Schottland und Virgil Mischok als Vorsteher des Tempelordens. Martin Steidler leitete die Einstudierung des Männerchors vom Heinrich-Schütz-Ensemble Vornbach. Die Aufnahme (3 CDs) ist bei Oehms Classics erschienen. Rezension zur Einspielung in der Opera Lounge

Diese und weitere Einspielungen sind in Premium Klangqualität und vollständiger Länge über die Naxos Music Library für Hochschulangehörige zugänglich:

mayr ginevra

Hochschulintern: https://hmtm.naxosmusiclibrary.com/catalogue/item.asp?cid=OC960

Hochschulextern oder mobil: https://ezproxy.hmtm.de:2272/catalogue/item.asp?cid=OC960

 

Zum zeitgenössischen Verständnis von Aufführungspraxis und Wirkung der Oper im europäischen Kontext liefern die weit verstreuten Quellen zu den Aufführungsmaterialien die Basis. Eine bedeutsame Quelle ist dabei der genannte in Wien eigens gedruckte Klavierauszug. Ebenfalls in der Bibliothek vorhanden ist die 2016 im Verlag Ricordi erschienene wissenschaftlich-kritische Edition von Hans Schellevis:

Partitur

Kritischer Bericht

Das Libretto ist auch auf dem Internetportal des Freistaats Bayern "bavarikon" zur Präsentation von Kunst-, Kultur- und Wissensschätzen aus Einrichtungen in Bayern zu finden.

apl. Prof. Dr. Iris Winkler / Susanne Frintrop, 8.2.2021

 

 

[1] Vgl. Historisches Aufführungsmaterial der Bayerischen Staatsoper zu Ginevra di Scozia (1805-1811) im Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek: BV012635996