Zum Beethovenjahr 2020 *** Folge 6

 

Zum Beethovenjahr 2020 präsentiert die Bibliothek an dieser Stelle ausgewählte Raritäten aus ihrem Bestand. Hier die Folge 6. Die Vorläuferfolgen sind hier archiviert.

 

Beethoven in München

Die Kurfürstlich gnädigst privilegirte Münchner-Zeitung, „Wochen Blat.“ Nro: XIV, meldet am „Mittwoch, den 4 Ostermonat (April) 1787“, dass „Bei Hrn. Albert, Weingastgeber zum schwarzen Adler in der Kaufingergasse“ „Den 1 April. Herr Peethoven [sic] , Musikus von Bonn bei Kölln. Herr Dürelli, Musikus von Regensburg. Herr von Schaden, wie dessen Frau […]" beherbergt worden sind.

Der Tenor Giuseppe Durelli war, da sein Fürst von Thurn und Taxis in Regensburg die italienische Oper nicht weiter am Leben erhalten wollte, auf Stellungssuche in München. Dieter Haberl vermutet, dass der Sänger möglicherweise vollständig Giuseppe Antonio Durelli geheißen und so mit dem von Felix Lipowsky erwähnten Anton Dorelli gleichzusetzen wäre, der 1788 dann in München als Hofsänger wiederum sein Auskommen gefunden hätte[1].

Die Ehefrau des Herrn von Schaden, Nanette von Schaden, war musikalisch gebildet, als Pianistin aktiv[2] und wurde durch die Begegnung mit Beethoven möglicherweise vermehrt auch zu eigenen Kompositionen ermuntert. Das Zusammentreffen des Ehepaars von Schaden, das seit 1787 in Augsburg lebte, mit dem jungen Beethoven wurde so für beide Seiten bedeutungsvoll: Beethoven reiste über Augsburg nach Wien und erhielt, vor allem auch auf der Rückreise, auf der er am 25. April 1787 wiederum im München im Schwarzen Adler einkehrte (vgl. „Wochen Blat.“ Nro: XVIII, „Mittwoch, den 2 Wonnemonat (Mai) 1787“), finanzielle Unterstützung vom Ratskonsulenten Joseph von Schaden. Beethovens Reiseroute nach Wien 1787 wäre demnach über Regensburg und Augsburg verlaufen[3]

Der Gasthof „Zum schwarzen Adler“ gehörte in München zu den besten Häusern. Auch Mozart und Goethe logierten dort. Der „Weingastgeber“ und „bürgerliche Stadt-Musikanten-Sohn“ Franz Joseph Albert (Das digitalisierte Portrait des Münchner Stadtmuseums wurde uns leider nur kostenpflichtig zur Einbettung in diese Seite angeboten) studierte in Ingolstadt, Würzburg und Straßburg Medizin, erlangte am 16. Oktober 1754 in München die „Weinschenkgerechtigkeit“[4], erwarb ein Jahr später das Haus in der Kaufingerstraße, dereinst Nr. 20, heute Nr. 23. Der Musik blieb der Wirt zeitlebens verbunden. Insbesondere durch seine Freundschaft mit Mozart ist er in die Musikgeschichte eingegangen, durch sein soziales Engagement war er bereits zeitlebens hoch geachtet.

Nach Wien ist der junge Komponist „Herr Peethoven“ im Frühjahr 1787 gereist, um bei Mozart zu studieren. In Wien hat Beethoven die Botschaft vom Krankheitszustand seiner Mutter erreicht. Überstürzt trat er daraufhin die Heimreise an. Am 17. Juli 1787 starb Beethovens Mutter an Schwindsucht (Tuberkulose). Im selben Jahr, am 25. November, starb auch Beethovens ein Jahr junge kleine Schwester Maria Margaretha Josepha[5].

Der Münchner Verleger Joseph Aibl (1802-1834) gründete 1825 seine „Musikalien- und Instrumenten-Handlung und Leih-Anstalt“ mit eigenem Musikverlag[6]. Als Firmennamen wurde auch nach Aibls Tod der Verlagsname beibehalten. Werke von Richard Strauss wurden sein Markenzeichen. 1865 erschienen „36 Bagatellen“ in der Bearbeitung von Carl Geissler für Klavier unter dem markterprobten Komponistennamen Beethoven. Aber nicht alle dieser Klavierstücke sind wirklich als Beethovens Kompositionen nachgewiesen. Unter den zweifelhaften Stücken findet sich auch ein im 19. Jahrhundert recht populärer „Alexander-Marsch“, der laut Bonner Beethoven-Haus, vermutlich von Louis Luc Loiseau de Persuis (1769-1819)[7] stammt.

Der österreichische Komponist und Dirigent Felix Weingartner (1863-1942) leitete von 1898 bis 1905 in München das von Franz Kaim ins Leben gerufene Orchester, das Vorläuferensemble der Münchner Philharmoniker.

„Ist in unserem Zeitalter der Technik, der Erfindungen und des Mercantilismus noch eine Kunst möglich, die, mag sie noch so sehr über aller Zeit stehen, doch wie alles Große, auch ein Kind ihrer Zeit ist?“[8]

In Weingartners Münchner Zeit ist die in seiner Zeit unter den Musikschaffenden viel gelesene Schrift "Die Symphonie nach Beethoven" entstanden. 1901 erschien bereits eine zweite verbesserte Auflage des Büchleins. Mit Beethovens Sinfonien hat sich Weingartner intensiv auseinandergesetzt und auch einen praktischen Aufführungsratgeber verfasst:

„Will nun jemand Nutzen aus meiner Schrift ziehen, so verlange ich von ihm, dass er nicht nur darin blättere und vielleicht einiges, ihm besonderes Zusagende herausgreife, sondern daß er wenigstens einmal die Partituren der Beethovenschen Symphonien durcharbeite […]“[9]

Zahlreiche Partituren und Aufführungsmaterialien von Beethoven bietet die Hochschulbibliothek: Raritäten aus dem 19. Jahrhundert bis hin zur ausgewählten allerneuesten Sekundärliteratur zum Komponisten.

 (apl. Prof. Dr. Iris Winkler, 26.11.2020)

[1] Vgl. Dieter Haberl, Beethovens erste Reise nach Wien im Spiegel der neueren Quellenlage, in: Norbert Schloßmacher (Hrsg.), Beethoven: Die Bonner Jahre, Wien, Köln, Weimar 2020, S. 444-448 http://gateway-bayern.de/BV046883487 - Sonderdruck aus: Neues Musikwissenschaftliches Jahrbuch. - 14. Jahrgang (2006)

[2] Vgl. Uta Goeb-Streicher, Art. Schaden (Maria) Anna (Leopoldine Theresia Elisabetha), Nanette von, geb. von Stadler, von Pranck, Sophie Drinker Institut, © 2009 Freia Hoffmann https://www.sophie-drinker-institut.de/schaden-nanette-von

[3] Ebd.

[4] Vgl. Ludwig Wolf, Franz Joseph Albert (1726-1789). Weinwirt, Wohltäter und Mozarts Freund in München, in: Musik in Bayern 1991, Heft 43 (1992), S. 99-108, zit. S. 100

[5] Vgl. Barry Cooper (Hrsg.), Das Beethoven-Kompendium. Sein Leben – seine Musik, München 1992, S. 13, 43, 47 https://webopac.bibliothek.musikhochschule-muenchen.de/00/bvnr/BV005495525

[6] Hans Schneider/Axel Beer, Art. Aibl, Joseph in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 1999, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/17505

[7] Thomas Betzwieser, Art. Persuis, Louis-Luc Loiseau de in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2005, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/16692

[8] Felix Weingartner, Die Symphonie nach Beethoven. Zweite, umgearbeitete Auflage, Berlin 1901, S. 107. https://webopac.bibliothek.musikhochschule-muenchen.de/00/bvnr/BV012082203 , vgl. 4. Auflage: https://webopac.bibliothek.musikhochschule-muenchen.de/00/bvnr/BV041858189

[9] Felix Weingartner, Ratschläge für Aufführungen klassischer Symphonien, Bd. 1: Beethoven, dritte durchgesehene Aufllage, Leipzig 1928, S. X: https://webopac.bibliothek.musikhochschule-muenchen.de/00/bvnr/BV037318471