Zum Beethovenjahr 2020 *** Folge 5

Karte der Stadt Paris und Umgebung - Anonymer Stich, um 1803, Beethoven-Haus Bonn, B 2913

 

Zum Beethovenjahr 2020 präsentiert die Bibliothek an dieser Stelle ausgewählte Raritäten aus ihrem Bestand. Hier die Folge 5. Die Vorläuferfolgen sind hier archiviert.

Beethoven in Paris

Ein anonymer Kupferstich im Beethoven-Haus in Bonn (s.o.) zeigt die Stadt Paris und Umgebung um 1803.

Auf solch einen Plan könnte Beethoven durchaus einen Blick geworfen haben, denn eine Reise nach Paris hatte der Komponist im Herbst 1803 noch ernsthaft in Erwägung gezogen. Die Sinfonie, die er gerade entwarf, seine 5., wollte Beethoven in Paris zur Aufführung bringen (Digitalisate und Entstehungsgeschichte der 5. Sinfonie im digitalen Archiv des Beethoven-Haus Bonn).

Das anvisierte Reiseziel Paris ist vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Situation und den politischen Veränderungen seit der Französischen Revolution zu verstehen. Die Geschichte der dritten Sinfonie ist mit Bonaparte verknüpft. Julia Ronge schildert anschaulich in der Radiosendung „Beethoven und die Politik“ Beethovens zwiespältiges Verhältnis zum „Aufsteiger“ Napoleon (SRF 2, 17. Januar 2020).

Nicht zu vergessen ist zudem, dass Beethoven das Angebot von Napoleons Bruder Jérôme Bonaparte einer Hofkapellmeisterstelle in Kassel 1808 durchaus erwogen hat. „Auf eine einfache Formel gebracht“, meint Martin Geck, „erblickt Beethoven in der sogenannten heroischen Periode seines Schaffens in Napoleon den Staatskünstler, der gut daran täte, ihn selbst zu seinem Staatskünstler zu machen.“[1]

Beethovens Kompositionen fanden in Paris im frühen 19. Jahrhundert Anklang. Am 10. August 1809 wurden beispielsweise die bei Leduc erschienen 24 Variationen, die Beethoven der Gräfin Hatzfeld gewidmet hat, im Journal de Paris annonciert.

Von zeitgenössischen Pariser Verlegern sind Werke von Ludwig van Beethoven publiziert worden, was auch eine besondere Rarität aus der Hochschulbibliothek dokumentiert. Zusammengebunden und so vereint hat verschiedene Kompositionen Beethovens vermutlich schon ein zeitgenössischer Pianist. Jetzt finden sie sich unter der Signatur Rara/1 MPB 0038, es handelt sich um drei Klaviersonaten (op. 22, op. 26, op. 27/2) und zwei Violinsonaten (op. 23 und op. 24, jeweils ohne Violinstimme).

Im Sommer 1800 sind Skizzen zur Klaviersonate B-Dur op. 22 wie auch zur Violinsonate op. 23 entstanden.

Op. 23 und Op. 24

Im Oktober 1801 erschienen die Klavier- und Violinstimme von op. 23 erstmals beim Verlag Mollo in Wien (Digitalisat der Erstausgabe). Der Widmungsträger Moritz Johann Christian Graf von Fries war nicht nur Bankier, er war auch Unternehmer, der seine Anteile an Fabriken und Textilmühlen wie an landwirtschaftlichen Gütern hatte. Seine erste Frau, die Prinzessin Maria Theresia Josepha Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst starb 1819, seine zweite Frau wurde Fanny Münzenberg. Fries schätze die Musik, veranstaltete Privatkonzerte und lebte verschwenderisch, was ihn schließlich in den Ruin trieb.

Die Violinsonate op. 24, als „Frühlingssonate“ bekannt, ist ebenfalls Fries gewidmet und als Einzelausgabe bei Mollo erschienen. Beide Violinsonaten op. 23 und op. 24 wurden auch gemeinsam verlegt, wie es auch die in der Hochschulbibliothek vorhandene Ausgabe dokumentiert:

Deux / SONATES / Pour le Piano Forte / avec Accompagnement de Violon / Composées et Dédiées / à M.r le Conte Maurice de Fries / Chambellan de S. M. I. et R. / PAR / L. V. BEETHOVEN / op. 23. Prix 7.f 50.c / A PARIS / Chez CARLI, Editeur, M.[archan]d de Musique et Cordes de Naples, Boulevard Montmatre, N.° 14, en face le Jardin Frascati. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:m29-0000007048

Die Plattennummer der Ausgabe lautet 992, ein Stempel verweist auf den Verlag von Nicolas-Raphaël Carli (1764-1827)[2].

Op. 22

Beim Verleger Franz Anton Hoffmeister wurde die Sonate erstmals im März 1802 publiziert. Widmungsträger ist Graf Johann Georg von Browne-Camus. Die in der Hochschulbibliothek vorhandene Ausgabe nennt einen anderen Widmungsträger:

Grande / SONATE / Pour le forte Piano / Composée et Dediée / au Prince Charles de / LICHNOWSKY / Par / LOUIS VAN BEETHOVEN / Œuvre [handschriftlich:] 22 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:m29-0000007055

Diese Ausgabe wäre demnach dem Fürsten Karl Lichnowsky gewidmet und nicht Johann Georg Reichsgraf von Browne-Camus. Durch das auf dem Titelblatt eingeklebte Etikett des Musikalienhändlers "LIPPI, LUTHIER, SUR LE PORT, PRÈS LA PLACE-NEUVE, A MARSEILLE,  / Tient Magazin de toute sorte d’Instrument, Cordes de Naples, et un Assortiment de Musique / vocale et instrumentale. / On s’abonne chez lui pour tout sorte de Musique." ist die Verlagsangabe überklebt worden, unten rechts ist aber das Signet des Verlegers Cochet erkennbar geblieben.

Laut Thematisch-bibliographischem Werkverzeichnis ist die Cochet-Ausgabe, ohne Verlags- und Plattennummer, ebenfalls bereits um 1802 erschienen. Laut Angaben aus dem Beethoven-Haus wird die Cochet-Edition zwischen 1802 und 1805 datiert.

Op. 26

Die As-Dur Klaviersonate op. 26 ist bekannt als die “Sonate mit dem Trauermarsch”, denn ihr dritter Satz ist mit “MARCIA Funebre Sulla morte d’un Eroe” überschrieben. Dieser Satz wird immer wieder auch mit einem Marsch aus Ferdinando Paër aus der Oper Achille in Verbindung gebracht. Op. 26 ist, nach dem Erstdruck der Sonate, nun wirklich dem Fürsten Karl von Lichnowsky gewidmet. Entstanden ist sie in den Jahren 1800/1801 und Giovanni Cappi in Wien hat sie im März 1802 erstmals verlegt. Die in der Hochschulbibliothek vorhandene PLEYEL. Père et Fils Ainé -Ausgabe mit der Plattennummer 1125 ist laut Verlagskataloge auf das Jahr 1815 zu datieren:

GRANDE SONATE / Pour / Le Piano – Forte/ PAR / L. VAN Beethoven / Op. 26 Prix: 4.F 50 .c / à Paris, / Chez PLEYEL. Père et Fils Ainé Auteurs et Editeurs de Musique, et Fabricants de Piano /
Boulevard Bonne Nouvelle N.° 8 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:m29-0000007034

Wiederum aufgeklebt ist das Etikett des Musikalienhändlers aus Montpellier.

Op. 27/2

Op. 27/2 komponierte Beethoven im Jahr 1801, erschienen ist die Sonate erstmals in Wien beim Verlag Giovanni Cappi im März 1802. Ihren berühmten Beinamen „Mondscheinsonate“ verdankte sie Ludwig Rellstab und seiner Kunstnovelle Theodor. Eine musikalische Skizze:

„Keiner falschen Quinte wäre ich werth, wenn ich das Adagio aus der Phantasie in Cis-moll vergessen hätte. Der See ruht in dämmerndem Mondenschimmer, dumpf stößt die Welle an das dunkle Ufer, düstre Waldberge steigen auf und schließen die heilige Gegend von der Welt ab, Schwäne ziehn mit flüsterndem Rauschen wie Geister durch die Fluth und eine Äolsharfe tönt Klagen sehnsüchtiger einsamer Liebe geheimnißvoll von jener Ruine herab […]“[3]

Als „SONATA quasi una FANTASIA“ hat Beethoven op. 27/2 ebenso wie auch op. 27/1 betitelt. Anton Schindler und auch Wilhelm von Lenz, wenngleich kritisch, tradierten den Beinamen Mondscheinsonate weiter, während Carl Czerny wie auch Franz Liszt stärker die Nacht- und Todesseite von op. 27/2 hervorzuheben suchten. Biedermeierlich verharmlosender erscheint hingegen der Beiname "Laubensonate", der von dem Laubengang der Widmungsträgerin Julie (Giulietta) Guicciardi herrühren sollte (Julie Guicciardi (1782-1856) - Fotografie des Gipsabgusses einer Büste von Konrad Heinrich Schweickle). In dem Laubengang sollte das "Adagio sostenuto" der Sonate entstanden sein. Auch andere Geschichten kursierten, Beethoven hätte im Laubengang für ein blindes Mädchen die Sonate improvisiert, was wiederum bildende Künstler inspirierte (Beethoven am Klavier vor einem blinden Mädchen spielend, Holzstich nach einem Gemälde von Lorenz Vogel).

Der Beiname „Mondscheinsonate“ hat sich durchgesetzt und wird op. 27/2 fortan bleiben, für die bei Rellstab genannte Äolsharfe interessierte sich Beethoven immerhin[4].

Die Nennung von Josephine von Liechtenstein als Widmungsträgerin auf dem Titel der in der Hochschulbibliothek vorhandenen Pariser Ausgabe https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:m29-0000007024 von op. 27/2 ergibt sich möglicherweise aus der Verwendung des gleichen Titelblattes sowohl für die Sonate Nr. 1 wie die Sonate Nr. 2 von op. 27. Diese Dedikation an die Prinzessin Liechtenstein findet sich gleichfalls in der 1802 bei Cochet in Paris erschienene Ausgabe der Sonate. Die folgenden Verlagsangaben sind wiederum überklebt mit der Musikalienhandelsanzeige aus Montpellier. Aber die Verlagsangaben lassen sich über den noch herausschauenden Stempel, die Plattennummer 209 erahnen und, leuchtet man hinter die Überklebung, verifizieren. Es handelt sich ebenfalls um den Verleger Nicolas-Raphaël Carli. Laut Thematisch-bibliographischem Werkverzeichnis wäre diese Ausgabe um 1823 erschienen.

 

(apl. Prof. Dr. Iris Winkler, 19.6.2020)

 

 

[1] Anik Devriès-Lesure, Art. Carli, Nicolas-Raphaël in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2000, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/20661

[2] Martin Geck, Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum, München (2017) 2020, S. 16. https://webopac.bibliothek.musikhochschule-muenchen.de/00/bvnr/BV046693211

[3] Ludwig Rellstab, Theodor, eine musicalische Skizze, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung, 1., Nr. 29-33, 1824, Sp. 247 ff., Sp. 255 ff., Sp. 263 ff., Sp. 271 ff., Sp. 279 ff. , zit: Sp. 274: http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/4114217/ft/bsb10528063?page=292

[4] Vgl. Hans-Werner Küthen, Ein verlorener Registerklang. Beethovens Imitation der Aeolsharfe, in: Musik & Ästhetik, https://webopac.bibliothek.musikhochschule-muenchen.de/00/bvnr/BV011328975 April 2005, 9. Jg, S. 83-92.